Das Atelier Joseph Beuys im Kurhaus Kleve

JOSEPH BEUYS – BÜSTE

„Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzte eigenen Wesens hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre.“ ( Theodor Adorno )

Das Brot der frühen Jahre…

Der Niederrhein , seine Heimat, hat Joseph Beuys geprägt. In Kleve ist bereits vor Jahren sein früheres Atelier restauriert worden, in welchem der Künstler von 1957 bis 1964 zahllose Frühwerke konzipiert und realisiert hatte..

Der Künstler, hatte in der Zeit seiner schweren Krise dieses Atelier in seiner Heimatstadt Kleve im ehemaligen Kurhaus angemietet. Hier realisierte er auch seinen ersten großen Auftrag: Beuys schuf für die Gemeinde Meerbusch-Büderich bei Düsseldorf das sogenannte und mittlerweile berühmte „Büdericher Ehrenmal“ für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Es markiert auch das Ende seiner frühen Schaffensphase.

Seine Werkräume im einstigen Friedrich-Wilhelm-Bad hatte Beuys von 1957 bis 1964 angemietet. Seit 2012 sind sie wieder öffentlich zugänglich. In den großen Vitrinen stehen Beuys’ Farbtuben und Dosen ebenso wie eine Flasche mit „Hasenblut“, seine Werkzeuge , diverse Stempel und andere Materialien, die mit seinem frühen Werk eng verbunden sind.

Die Ausstellung beschränkt sich naturgemäß auf das mit Kleve verbundene Frühwerk von Beuys.

Graffiftto in der Kunstakademie Düsseldorf

In den frühen Reliefs und den Zeichnungen ist sein späteres Schaffen bereits pointiert erkennbar. So ist dieses berühmte erste Atelier wahrhaftig eine Keimzelle seines umfangreichen Schaffens, das ihn schließlich in die Weltelite der damaligen Kunstszene katapultierte..

In und um Kleve am Niederrhein hatte der Jahrhundertkünstler und Akademieprofessor Joseph Beuys , den hier alle nur Jupp nennen wollten, seine Jugend verbracht, er kannte Kranenburg, das alte Kurhaus und auch die Parks. Als er in den 50er-Jahren in eine tiefe Depression fiel, sorgten Freunde und Familie dafür, dass hierher nach Kleve kam. In seinen Klever Jahren lernte er schließlich auch seine Ehefrau Eva kennen. In dieser ersten Krise erlebte der junge Beuys in nahezu isolierter Abgeschiedenheit einen schmerzlichen künstlerischen Reifungsprozess. Im Jahr 1964 musste er das Atelier aus finanziellen Gründen aufgeben

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Kerhzenleuchter 1949-1950
ATELIER JOSEPH BEUYS
Joseph Beuys – Bronze von Max Brück
Kerzenleuchter
Schaf
Eine gefundene Kindertröte
Justitia 1950
Die Capri-Batterie
ATELIER JOSEPH BEUYS – MATERIALIEN

Über die Entstehung der Mythen von Joseph Beuys

War Beuys ‚Kunst – geformt aus Alltagsgegenständen vom VW-Bully bis zu Fett und Filz – utopisch oder voller bemerkenswerter Weitsicht? 

Schlitten, die einem Rudel Hunde ähneln, stürzen in The Pack, einem Werk von Joseph Beuys aus dem Jahr 1969, von der Rückseite eines VW-Lieferwagens
JOSEPH BEUYS – THE PACK ( DAS RUDEL)

Am 21. Mai 1974 kam ein Mann auf einem Flug aus Deutschland am Flughafen John F. Kennedy an. Er trug eine Anglerweste und hielt die Hand schützend vor den Augen. Bei der Einwanderung war er der üblichen Flut von Fragen ausgesetzt. Als er endlich in die USA einreisen durfte, wurde er von zwei Männern abgeholt, die ihn von Kopf bis Fuß in Filz hüllten, seinen eingewickelten Körper auf eine Trage legten und ihn in einen Krankenwagen hoben. Lichter blinkten, die Sirene heulte, er wurde zu einer Galerie in Manhattan gefahren, wo er wie ein Paket durch die Türen gerollt wurde.

 Im Inneren war die Galerie in einen Stall verwandelt worden. Unter den darin enthaltenen Gegenständen befanden sich ein Strohballen, eine Filzdecke, ein Hirtenstab, ein Stapel mit 50 Exemplaren des Wall Street Journal und ein lebender Kojote. Drei Tage lang waren Mensch und Tier zusammengesperrt, während ein Publikum ihre aufgeladenen, ritualisierten Interaktionen hinter einem Gitterzaun beobachtete – der Kojote spielte mit einem weggeworfenen Handschuh; Der Mann schlang sich in ein Deckenzelt und der Hirtenstab ragte über seinen Kopf.

Dies ist das nackte Skelett von I Like America und America Likes Me , einer der eindrucksvollsten und mysteriösesten Performances des deutschen Künstlers Joseph Beuys , der vor 34 Jahren bei der Arbeit in seinem Atelier an Herzversagen gestorben ist. Als Bildhauer, Lehrer, politischer Aktivist, wegweisender Umweltschützer, selbsternannter Schamane, angeblicher Scharlatan und bewährter Märchenerzähler gehörte Beuys zu den größten Nachkriegskünstlern. Künstler, die sich mit der zerrissenen Welt auseinandersetzen mussten, die dem Krieg folgte.

Sein zentrales Interesse war die Transformation, die Alchemie – und die Seele einer Sache verwandelte sich in eine andere. Als Junge in Kleve am Niederrhein, hatte er davon geträumt, Arzt zu werden, und obwohl die Kunst bald die Medizin ablöste, bemühte er sich weiterhin in all seinen verschiedenen Medien, magische Heilstrategien vorzuschlagen, um Krankheit in Gesundheit verwandeln 

„Ja“, sagte er 1979 zu einem Interviewer, „vielleicht habe ich eine Mission … die soziale Ordnung zu ändern.“ 

Es war dieses gigantische Projekt, das seine unterschiedlichen Aktivitäten auszeichnete und vereinte. In dieser Hinsicht war Joseph Beuys eindeutig der große Prophet der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Beuys ‚Zeichnungen sind formal exquisit und besitzen die gleiche eindrucksvolle Lebendigkeit wie siw zum Beispieldie Höhlenmalereien in Lascaux auszeichnen. Aber viele seiner anderen Arbeiten haben die Grenzen dessen, was bis dahin als Kunst angesehen wurde, herausfordernd überschritten und beispiellose Gegenstände in die Galerien und Museen dieser Welt gebracht. Seine Skulpturen und Installationen bestehen aus sehr bescheidenen, armseligen und abstoßen Materialien und wurden entworfen, um beim Betrachter kraftvoll ursprünglic auch wütende emotionale Reaktionen auszulösen (Wut gefiel ihm besonders). 

Er glaubte, dass jeder potenziell ein Künstler ist, nahm Objekte und arrangierte sie so, dass sie den Zuschauer reizen und herausfordern, mit ihnen zu kommunizieren – indem er gebannt zuschaute und zuhörte, was seine Augen ihm sagten, und sich später immer wieder daran erinnern würde.

Erinnern ist bei Beuys ein seltsam wichtiges und sehr passendes Wort. Einige der Dinge, die Beuys gemacht hat, ähneln den mythenumwobenen Trümmern einer primitiven, vergessenen Kultur: ein Fettblock, eine Kniescheibe, eine Bienenkönigin aus Wachs. Andere sehen aus wie bedrohliche, apokalyptische Relikte: riesige Stahlträger und schwere Basaltsäulen, die wie zufällig verstreut vor dem Betrachter liegen. Vierundzwanzig Schlitten, ordentlich für eine Expedition ins Ungewisse bepackt mit Taschenlampen, zusammengerollten Filzdecken und einer Ration Fett, die aus den geöffneten Türen eines ramponierten VW-Bully scheinbar wie von selbst hinausgefahren sind. Aber wohin wollen sie ? Ein merkwürdig verstörender Anblick.Wo will das Rudel hin, was ist ihr Zweck und Ziel ? Ist es eine Flucht, ist es eine Invasion ?

Er baute unergründliche Maschinen aus Milchflaschen und Kupferdraht, machte Skulpturen aus Zeitungen, Würstchen und alten Schallplatten. Und dann veranstaltete er diese endlosen öffentlichen Vorträge und verstörenden Aufführungen, wie 1965 „Wie man einem toten Hasen Bilder erklärt“, in denen Beuys eine Galerie durchstreifte, sein Kopf vollständig mit Blattgold bedeckt, und jedes Gemälde dem toten Hasen akribisch erklärte, den er wie eine Mutter an seiner Brust wiegte. Ein seltsam schönes, anrührendes Werk, strahlt es doch eine elementare Bedeutung aus, auch wenn es sich dem Verstand und einer logischen Erklärung absolut zu widersetzen scheint. Es lässt den Betrachter nicht los und er wird sich daran erinnern.

Das Ende des 20. Jahrhunderts 1983-5 (Vordergrund) und The Pack, 1969 (Hintergrund), beide von Beuys.  Foto: Dan Chung für den Guardian
 DAS ENDE DES ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERTS 1983-5 (Vordergrund) und The Pack, 1969 (Hintergrund), von Beuys. 

Diese Weigerung, als Künstler ganz gewöhnlich von aller Welt verstanden zu werden, sich sogar vehement gegen Verständlichmachung und den bloßen Verstand zur Wehr zu setzen ( Thomas Bernhard schreibt es eben so wortwörtlich in einen Monolog! ) erstreckt sich naturgemäß auch auf Beuys Leben. Jeder Versuch, die üblichen verfügbaren Daten zu einem fassbaren Mosaik zusammenzustellen, stößt schnell auf Probleme. Fakten widersprechen sich; Ereignisse werden wiederholt verändert oder in Mythen verwandelt. Er wurde 1921 als einziges Kind bürgerlicher, streng katholischer Eltern geboren. Er war 12 Jahre alt, als die NSDAP die Macht übernahm, das heißt, er wurde unter einer gefährlich giftigen Ideologie erwachsen. Später gab er offen zu, Mitglied der Hitlerjugend gewesen zu sein, kurz bevor sie ohnehin für jeden zur Pflicht wurde, aber er erwähnte auch kleine, aufmüpfige Widerstandshandlungen, als er wissenschaftliche Bücher vor einer  Buchverbrennung im Hof ​​seiner Schule retten konnte.

 Die berühmte Schlüsselszene seiner Biografie, der Beuysianische Ur-Mythos, fand 1944 statt, als er einen für ihn fast tödlichen Flugzeugabsturz nur knapp überlebte. Der Pilot der Stuka kam dabei ums Leben.. Da er wusste, dass er eingezogen werden würde, hatte er sich vier Jahre zuvor freiwillig für die Luftwaffe gemeldet und arbeitete zunächst als Funker und dann als auf der Krim stationierter Bordschütze. Am 16. März wurde er in den Bergen abgeschossen, wo er, wie er behauptete, von tatarischen Stammesangehörigen gerettet wurde, die ihn in isolierende Schichten aus Filz und Fett einwickelten, um ihn vor dem Erfrieren zu bewahren.

Diese Erzählung wurde inzwischen teilweise widerlegt. Beuys hatte einen Flugzeugabsturz, bei dem sein Pilot getötet und schwer verletzt wurde, aber es gab keine Tataren, vielleicht sogar weder Fett noch Filz. Es ist nicht ganz klar, warum er die Tatarenrettung erfunden hat, zumal er im späteren Leben irritiert war, wie häufig sie zur Entschlüsselung seiner eigenwilligen und bemerkenswerten künstlerischen Sprache verwendet wurde. Es kann sein, dass er sich damit quasi absichtlich der Verantwortung für seinen Anteil am deutschen Programm des totalen Krieges entziehen wollte, obwohl es auch möglich ist, dass er, wie viele andere Künstler auch, einfach seinen eigenen Mythos erschaffen wollte indem er seine profane Verletzung in eine wundersame Fabel transformierte – seine Wunde heilte und rettete ihn. Krieg,

Faschismus, Trauma und Reparatur: Dies wären seine Themen, aber was ihn wirklich umtrieb, war zu entdecken und in mythischen Begriffen zu kommunizieren, wie Wunden und Verletzung , sowohl physisch als auch psychisch, transformiert und geheilt werden könnten. Der Mythos war zwar eindeutig von den Nazis vergiftet worden, aber jetzt würde er ein großartiges Projekt zur elementaren Erneuerung und Erziehung anstreben, das in den tiefsten Ebenen seiner psychischen Statur wurzeln musste.

In den 1950er Jahren war er von schweren Depressionen heimgesucht. In dieser schwarzen Zeit begann er mit sogenannten „armen“ Materialien wie Fett und Bandagen zu arbeiten – die Dinge begannen sich für ihn emotional zu verändern, als er auf das Werk von Rudolf Steiner stieß ,der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Form der esoterischen Philosophie erfunden hatte, die Anthroposophie genannt wurde. Steiner glaubte an spirituelle Erhebung und soziale Transformation, insbesondere indem er die Kreativität jedes Menschen förderte. Ab den 1950er Jahren wurden diese zu wichtigen Grundlagen von Beuys ‚Arbeit.

Obwohl er sich gerne als Aussenseiter, auch als Schamane, präsentierte, war Beuys eindeutig von den Strömungen seiner Zeit beeinflusst. In den 1960er Jahren war er kurzzeitig Teil der Fluxus-Künstlergruppe, und von dieser Vereinigung aus begann er die Aufführungen, die er Aktionen nannte. Später arbeitete er mit Warhol zusammen , einem anderen Star, der es verstand, gewöhnliche Objekte mittels seiner kreativen Signatur in Kunst umzuwandeln. Aber Warhol war meistens weitaus ironischer und leichtgewichtiger als der auch sehr deutsche Beuys, dessen ehrlicher und ernsthafter Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, seine künstlerischen Aktivitäten eher in Richtung Erziehung und Politik trieb.

Die dumme, kurzsichtige Entlassung als Professor der Düsseldorfer Akademie durch den schlecht beratenen, damaligen Ministerpräsidenten, Johannes Rau, zerstreute in keiner Weise Beuys Appetit auf die soziale und ökologische Revolution.  Wie in einem Akt permanenten Protestes gegen die herrschenden Verhältnisse erfand er ständig neue politische oder pädagogische Institutionen. Dazu gehören die deutsche Studentenpartei, die Organisation für direkte Demokratie per Referendum und die freie internationale Universität für Kreativität und internationale Forschung. 1980 war er auch einer der 500 Gründer der Deutschen Grünen. 

Didaktisch und leidenschaftlich weigerte sich Beuys beharrlich, Kunst und Politik als getrennte Sphären zu betrachten. Ein Vortrag mit Tafeln könnte eine Kunstperformance sein; eine Fettplatte auf einem Stuhl könnte Demokratie abbilden. Das meinte er mit sozialer Skulptur: seine Kunst war die aktive Welt und wenn diese Welt die Kunst war, dann konnte jedermann ein Künstler sein. Die Revolution sind wir !

Es ist diese stolze Geste einer scheinbar verlorener Hoffnung, die einen Kunstkritiker einmal dazu veranlasste, Beuys sehr herablassend als „naiven utopischen Trottel ohne elementare politische und pädagogische Praktikabilität“ zu bezeichnen. Und doch behalten die Dinge, die er gemacht hat, ihre ungeheure, seltsam beunruhigende Energie, ihre konsequente Hoffnung auf die menschliche Fähigkeit zur Kreativität in der Veränderung. Sie können die Welt verändern, das glaubte Beuys, und außerdem können Sie sie zum Besseren verändern. So naiv das Schamanengewand vordergründig auch erscheinen mag, er war von einer wahrhaft bemerkenswerten Weitsicht besessen. Von der freien Bildung bis zum Schutz unserer bedrohten Umwelt sind viele der nur scheinbar verrückten Ideen, für die er sich bereits damals mit der ganzen Kraft seiner Kunst einsetzte, in den vergangenen Jahren für jeden erkennbar überlebenswichtig geworden. Sein Glaube an die politischen Fähigkeiten einer emanzipierten Kunst lebt in vielen Künstlern auf der ganzen Welt weiter.

Die Revolution sind wir: Das glaubte Beuys. 

Vielleicht bleibt er so kontrovers und immer noch missverstanden, weil das Ausmaß seiner Hoffnung auf die Menschheit zu groß war, er bietet vielleicht den heutigen jungen Menschen zu wenig Ironie und zuviel deutschen Tiefsinn, um sich wohl zu fühlen?

Er glaubte oder hoffte es auch nur, dass wir besser und freier und auch mutiger leben könnten. Solidarität und eine emanzipierte Kreativität genügten ihm als Treibstoff auf seiner fantastischen Reise zu neuen Ufern. Das war die Seele seiner Kunst, seines Lebens. Eine seiner großen Arbeiten war 7000 Eichen, ein großartiges, ambitioniertes Pflanzprojekt in Kassel. Ja, mancher Ignorant schalt ihn einen romantischen Träumer, aber trotzdem erschuf er einen ganzen Wald aus dem Nichts.

„Ich denke heutzutage“, sagte er einmal einem Interviewer, „es gibt ein tiefes Missverständnis unter den Menschen, dass Kunst durch logische Sätze verstanden werden könnte.“ 

Seine eigene Theorie war, dass Kunst eine intime Zusammenarbeit darstellte, dass ein Kunstwerk das Ergebnis von Arbeit und Kunst sowohl des kreativen Schöpfers als auch des Betrachters war.

 „Das Kunstwerk tritt in die Person ein und die Person verinnerlicht auch das Kunstwerk. Kunst tritt in die Person ein und die Person tritt in das Kunstwerk ein .“

JOSEPH BEUYS – DIE REVOLUTION SIND WIR !
Schloss Moyland Artblog

Joseph Beuys: Was ist Kunst

Joseph Beuys: Der erweiterte Kunstbegriff

Joseph Beuys: Interview 1980

Joseph Beuys: Sonne statt Reagan 1986

fotos atelier: juergen muegge-luttermann

Anna von Kleve

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